AUS DEM ÄRMEL 

kindheit jugend frühe reife

göttingen paris berlin

 

XXS – roman 

XXL – poem komposition 

Alle Menschen, groß und klein
spinnen sich ein Gewebe fein
Wo sie mit ihrer Scheren Spitzen
Gar zierlich in der Mitte sitzen
Wenn nun darein ein Besen fährt,
Sagen sie, es sei u n e r h ö r t
Man habe den größten Palast
…………………… ...........zerstört. 

Goethe

abschnitt 1

da hat sich aber wer 

wir sind jetzt da. da --- da ---.
nach jahrhunderten in der zeit endlich raum.
raum im raum.
an das oben & unten von personen wie vater & mutter muss sich george sand, alias amantine, lucile, aurore dupin de franceuil, verheiratete baronin dudevant, erst gewöhnen.
der erzherzog ludwig salvator legt das oben & unten im treppenhaus schriftlich fest.
beide vielschreiber.
sie verschreiben sich dem atemZUG.
IDA-ich, vater 28, mit 24 jahren ein- gleich ausgezogen. mutter 21, notabitur.
verweigert sich dem deutschen zopf der weiblichen hitlerjugend.
sie ist eitel und überhaupt sehr anders.
die villa steht 1942 noch in ihrer feste.
doch den fensterscheiben, besonders denen im westsalon wird manchmal schlecht. sie übergeben sich in die darun-terliegende reihe kleiner bäume mit sauerkirschen, zwischen denen später unser hamster begraben wird. was sage ich ‚unser hamster’?
nicht einer. es sind viele.
obwohl wir noch brot & von zeit zu zeit das seltene halbe pfund ‚guter butter’ haben, - im keller, ein rosdorfer schwarz geschlachtetes schwein.
alles cash in die kralle gegen tafelsilber, die aussteuer der beiden töchter.
überallher von überallher, vom hainberg droben & der leine drunten, unüberhörbar wie horn der ruf:
‚es kriegt, es kriegt, es kriegt so furchtbar an der front.’ erst polen, dann frankreich, dann norwegen.
und jetzt der gefürchtete osten.
einer solo: ‚es kriegt. es kriegt. es kriegt’.
alle im chor: ‚so furchtbar an der front’.
das ‚an der front front front’ wird muttermilch.
und während der haushalt geführt wird, als ob nichts wäre - die küche helle eiche mit leicht rötlich gefärbten schubladen & schrankwänden – das personal kommt, die großmutter schaltet & waltet, hier die speisekammer beachtlich, unten der dunkle keller frei frei frei wofür? holz und kohlen. und: die kübel der grossen wäsche. sie dienen aber auch der zuckerrübenproduktion. und derlei mehr. im garten nester.
darin: eier der freilebenden gedichtlegehennen.
das wort gedicht ist von mir.
IDA-ich: ich bin eine freilaufende gedichtlegehenne.
george sand kichert. und während dies alles läuft, geht draussen das grauen ab.
man verjagt, vertreibt, foltert & vergast auf hochtouren. george sand, der erzherzog und IDA-ich bekommen den gasgeruch der vernichtungswelle nicht aus der nase.
hilfe, wer hilft den verfolgten? keine hilfe da, sie käme denn aus der luft, die bald den alliierten gehört.
auch die tante, - sie nennt mich ‚ginkenbärchen pommes de terrechen’, kartoffeline - hat ein baby bekommen.
es ist ein so genannter deutscher junge.
sie hat glück gehabt.
sein erstes vogelnest im stock über mir.
george sand will frieden. sie entwirft zu eins, zwei litern milch pro tag, einen friedensvertrag.
der innere erzherzog fordert wie wild sofortig den waffenstillstand zwischen den fronten. bedingungslos. alle parteien, politiker & militärs an einen tisch. und der mag auch ecken haben. in kriegszeiten wie diesen sind runde tische selten.
am ende des ersten weltkrieges hat er, nummer fünf in der thronfolge, bereits gezeigt, was er kann: sich weigern, verweigern. mit dem berühmten satz: ich will kein kriegskaiser nicht werden.
genau wie er sich als junger mann ins asthma gerettet hat, um statt des prager hradschin die weltmeere mit seiner präsenz zu beehren, leistet er sich jetzt eine krankheit der aufgedunsenheit mit p., psoriasis, die ihn einsatzunfähig macht.
IDA-ich zählt derweil dünn die goldenen blüten auf den tapeten des wohnzimmers. george sand verzählt sich dabei. ich obliege dem grünen mahagonisofa mit schwarzen rhomben & kann von schössen wie denen von vater & mutter nicht lassen. meine weichteile – noch ist alles wie wachs – passen so gut hinein.
auch die großeltern - baritonT seine k. und k. hoheit – sind bei schmusebedarf mächtig dran. kommt der vater, kommen die väter, auch der von vetter dieter aus dem feld, ist festtag.
opa karl am piano. oma dora, dorothea die gottesgabe, von der röhre aus der küche in den salon. hochrot im gesicht. der eine oder andere kollege aus der hier überwiegend universitären nachbarschaft ist auch ungerufen erschienen. nun statt gasgeruch bratenduft.  

 

 

nur soviel über unseren großvater prof. dr. karl feist, später ein artikel aus der thüringer zeitung: sieben jahre lang von 1938-45 hatte k.f. lehrverbot. er hat seiner familie gegen-über den widerstand ( bekennende kirche bultmann- gogarten ) verschwiegen.
george sand nennt das ‚schweigewall’. der erzherzog schweigt zum thema mauern & wälle. wie gerne hätte er seinerzeit alle habsburger kronländer in die balance der gleichberechtigung von echten partnern gebracht. eine kronprinzrudolf-idee der vereinigten staaten österreichs V S Ö verwirklicht. an diesem ‚schweigewall’ zwischen familienmitgliedern arbeiten sich dann erst die 68er meiner generation ab.
was ist im garten los? die hühner futtern.
das wunder: ich bin verliebt.

 

(aus dem ärmel                 
prview 28.10. 2020)

 

© Ginka Steinwachs & Torsten Flüh 2020